The Joshua Tree

Das war es also, mein musikalische Highlight des Jahres: The Joshua Tree Tour 2017. Und weil es so ein besonderes Konzert war, verliere ich das ein oder andere Wort darüber.

Es war der 25. Juli 2017, an einem trockenen aber mit Regenwolken verhangenen Tag in Paris. Zumindest war das so, bis wir aus am Stade de France ankamen. Kaiserwetter machte die langen Hosen und zusätzlich mitgenommenen Jacken eigentlich überflüssig.

The Joshua Tree Nervig ist dann allerdings, wenn man das Kaiserwetter nicht im Stehplatzbereich verbringen kann sondern sich in die hunderte Meter lange Einlassschlange stellen muss. Noch nie, habe ich so einen unorganisierten Stadioneinlass erlebt. Und eine zeitlang hatte ich (für mich) berechtigte Sorgen, dass wir nicht rechtzeitig im Stadion wären um auch Noel Gallaghers High Flying Birds von Anfang an zu erleben.
Meine leichte Panik hatte sich dann aber ziemlich schnell als unbegründet gelöst und die Schlange ging in einem beeindruckenden Tempo ins Stadion. Wir konnten uns auf der Rechten Seite etwas vor dem Lautsprecherturm einen Platz sichern und hatten dort bis auf den üblichen Durchgangsverkehr eigentlich ziemlich viel Platz für uns – es war zumindest kein dauerndes gedränge oder geschupfe wie ich es zuletzt bei Bruno Mars erleben musste.

Wie ich später dann über Twitter erfahren habe, scheinen die Franzosen da wirklich ein Organisations- sowie ein Kontrollproblem beim Einlass in den Stehplatzbereich gehabt zu haben. Wie in dem Bild vom @U2tour zu sehen war die GA bis auf den kleinen Bereich hinten komplett gefüllt. Normalerweise ist der Bereich aus Sicherheitsgründen viel leerer. Einige Sitzplatzkarteninhaber haben die laschen Kontrollen im Stadion wohl genutzt um näher an der Band zu sein…

 

 

 

 


(Bild via @u2tour.de)

Nachdem wir dann das erste Stadionbier vom mobilen Bierträger bekommen haben (0,5l 8€ + 2€ Becherpfand = 80 DM für 4 Bier) legte dann auch gleich schon Noel Gallagher mit seinen High Flying Birds los und präsentierte beinahe einer Stunde lang neben sechs eigenen Songs auch fünf Oasis Klassiker. Mich persönlich hat Noel schon mit dem ersten Song „Everybody’s On The Run“ überzeugt. Bei den meisten anderen Konzertbesuchern musste das erste Oasis Cover „Champagne Supernova“ gespielt werden, damit Sie erkannten wer der Typ auf der Bühne eigentlich ist. Das man die neuen Songs von Noel nicht kennt kann ich ja noch irgendwie verstehen, aber das man nur die großen Oasis Hits wie „Wonderwall“ und „Don’t Look Back In Anger“ mitgröhlen kann aber nicht das superstarke „Little By Little“ macht dann doch etwas traurig.

The Joshua TreeEbenso idiotisch finde ich die vielen negativen Stimmen, wieso Noel sich das Vorband-Dasein bei U2 antut, er könnte ja wohl diese Stadien selbst füllen. Nein, Noel kann diese Stadien leider noch nicht wieder alleine füllen. Oasis kann bzw. könnte das aber Noel braucht noch ein paar richtige Charthits um ein 70000er Stadion alleine zu füllen. Das Potential bei den Songs ist da. Die gesamte Setlist kann man sich hier anhören: https://open.spotify.com/user/marioschaper/playlist/2GzF89xYhV7RbK0JXYbVTx

Nach der Stunde Noel hieß es dann fast nochmal eine Stunde warten bis endlich „The Whole Of The Moon“ als Opening-Song für das Konzert aus der PA schallte. Ab dem Moment war ich in meiner eigenen Welt, ich habe so viele der vorangegangenen The Joshua Tree Konzerte dank Mixlr und Periscope live mitverfolgt, dass ich ziemlich genau wusste was kommen wird. 3-4 Songs der pre The Joshua Tree Ära, danach alle 11 The Joshua Tree Songs und nach dem kurzen Break dann 6-7 Songs der post The Joshua Tree Ära.

Mir war es egal, ob ich den kompletten Ablauf schon zig mal gestreamt hatte und ob jetzt A Sort Of Homecoming statt Pride gespielt oder oder ob Mysterious Ways statt Ultraviolet in der Setlist landet. Für mich zählte eh nur das Lieblingsalbum, die 11 The Joshua Tree Songs, live in der Stadt der Liebe zu erleben.
Zugegeben, die 11 anderen Songs die die Joshua Tree ummantelten waren auch sehr gut…

Die letzten Töne von „The Whole Of The Moon“ wurden von frenetischem Jubel und geklatsche „niedergerungen“ als niemand anderes als der Bandgründer selbst Larry Mullen Jr. die Bühne betrat und ganz gemächlich den Joshua Tree runter zu B-Stage lief, sich an sein Schlagzeug setzte und dann mit dem Drum-Intro zu Sunday Bloody Sunday begann. Nach und nach kamen The Edge, Bono und Adam ebenfalls den Steg zur B-Stage runter und spielten nach Sunday Bloody Sunday noch New Years Day, Bad und Pride auf der B-Stage. Das Snippet zu David Bowies Heroes durfte auch an diesem Abend nicht fehlen. Ein ganz besonderer Moment in diesem ersten Part der Show war für mich, die geänderte Songzeilen in Pride zu hören. Seit das Bild von Alan Kurdi durch die Welt ging hat Bono einen Teil von Pride in „One boy washed up on an empty beach. One boy never will be kissed“ geändert und diese Zeilen die liesen mich dann für den Moment innehalten und schlagartig wurde mir klar wie gut es mir und wahrscheinlich allen um mich rum geht…

The Joshua Tree
Das besondere an diesem Konzertbeginn: alles passierte ohne visuelle Unterstützung. D.h. die etwa 30m entfernten Iren waren von unserem Stehplatz aus kaum zu sehen; keine Ahnung wie es da den Leuten auf den hintersten Stadionrängen ergangen sein muss…

Wieso sollte man auch die 60m lange und 14m hohe Videoleinwand die nahezu eine 8k Auflösung bereitstellt verwenden? Nun, diese Leinwand verwendet man um die The Joshua Tree zu eröffnen. Die Leinwand komplett in rot gehüllt, der Joshua Tree schwarz, die Silhouetten der 4 Iren davor. Vom Band das Anfangspianospiel von „Where The Streets Have No Name“ und dann setzt The Edge ein und der Joshua Tree beginnt zu funkeln.
Gänsehaut und Freudentränen können nicht mal ansatzweise beschreiben was das in mir ausgelöst hat. Man sagt ja „Musik kommt an Stellen da kommen Hände nicht hin“ und das ging so viel weiter.

The Joshua Tree

 

Auf Streets folgte dann logischerweise „I Still Haven’t Found…“ und ich konnte mich kurz vorm ersten Freudensschub erholen. Man weiß ja, dass nach den beiden Songs dann „With Or Without You“ dran ist und ich weiß, dass ich seit New York bei diesen Song egal wo und wie er läuft eine Gänsehaut bekomme. Ich weiss jetzt, dass es eine Steigerung von Gänsehaut gibt, wenn der ganze Körper vor Freude kribbelt und sich dieses Gefühl in einen hinein „frisst“, wenn sich das lächeln im Gesicht festnagelt, wenn die Augen nass werden, dann singt ein ganze Stadion „oh oh oh ooooh oh oh oh oooooooh“ – nur allein für diesen Song muss man mal an einem U2 Konzert gewesen sein!

Nachdem dann die bekanntesten Songs von der The Joshua Tree abgespielt waren wurde es gesanglich doch etwas ruhiger im Stadion. Und nachdem das komische Bullet The Blue Sky auch durch war kamen dann endlich die beiden Songs die für mich die Liebe zu diesem Album darstellen.
Blöderweise habe ich Running To Stand Still gar nicht so richtig mitbekommen, weil ich viel zu sehr auf den Lieblingssong auf diesem Album konzentriert war.
Wahrscheinlich wird U2 nach dieser Tour nie wieder Red Hill Mining Town live spielen was für mich absolut in Ordnung geht, ich konnte Ihn jetzt einmal live erleben und es war einer der Momente die sich für immer ins Gehirn einbrennen.
Schade war allerdings, dass der Song ohne Edges Gitarrenspiel präsentiert wurde. Gerade das macht doch den Song so unbeschreiblich gut, aber kann man halt nichts machen. Dafür hat Bono wenigstens so ziemlich jeden ton getroffen und das ist ja auch was wert.

A pros pos „Ton getroffen“: es war erstaunlich wie gut Bono die 2 1/2 Stunden durchgesungen hat. In Berlin war das damals fast schon erschreckend schlecht, hier war ich aber den ganzen Abend über super happy mit Bono.

Etwas enttäuscht hat mich dann aber der nächste Song: „In Gods Country“ hatte einfach mal gar nichts. Es war so, als ob der Song einfach nur schnell runtergespielt werden sollte. Der Screen der diese beeindruckenden Bilder bei Streets (endlose Straße), With Or Without You (Canyon), Red Hill Mining Town (Bläsergruppe) zeigte, war für diesen Song verdonnert „nur“ einen farbigen Joshua Tree zu zeigen. Kann man machen, dann ist es aber kacke. Dafür überzeugte dann „Trip Through Your Wires“ wieder komplett, nicht nur das Mundharmonikaspiel auch der Screen zeigte wieder extrem tolle Bilder. Das optische Highlight auf dieser Leinwand war aber der rote Mond bei „One Tree Hill“. In Echt sieht das nicht wirklich besser aus.

„Exit“ als vorletzter Song der The Joshua Tree wurde dann weitestgehend schweigend vom Publikum mitgenommen. Ich glaube nur ein paar wenige aus den ersten Reihen haben da richtig mitgetanzt, -geklatscht und -gesungen. Der Song kommt schon auf dem Album mit seiner „aggresiven“ Art für mich zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Ich hätte den ja lieber direkt nach Bullet…

Nachdem U2 dann ziemlich genau 1 1/4 Stunden auf der Bühne standen war es leider Zeit für den letzten Song der The Joshua Tree. Das Stadium war schon zum Ende von Exit komplett abgedunkelt worden und so blieb es auch bei „Mothers Of The Disappeared“. Auf der Leinwand erschienen dann nur von Kerzenlicht, dunkel gekleidete Menschen was natürlich das komplette Stadion dazu bewegte die Handy-Lampen einzuschalten und ein atemberaubendes Lichtermeer zu erzeugen.
Doch irgendwas war an dem Song komisch. Da U2 wie so oft an dem Abend selbst nicht über den Screen zu sehen war konnte ich am Anfang nur sagen, dass da jemand anderes auf der Bühne steht und Bono beim Song unterstützt. Irgendwann machte es dann klick und noch bevor Bono sie ankündigte wurde mir klar da oben auf der Bühne steht Patti Smith. Wie viel Glück muss man haben Patti Smith als Gast auf die Bühne zu bekommen? Diese Frau, diese Stimme, ein Wort: WOW!

Damit war dann der Hauptteil des Konzertabends dann leider auch durch und wurde nach einer kurzen Pause durch eine nahezu perfekte Kür ergänzt.
Zurück auf der Bühne übernahm Omaima den Monitor, die Frau, das Mädchen aus dem Flüchtlingscamp.
Nach dem etwas ruhigeren Song wurde es dann so richtig rockig und ein doch sehr merkwürdiger einstieg in „Beautiful Day“ wurde präsentiert. Ebenso wurden die Augen mit dem was auf der Leinwand abging überstrapaziert, ein wildes, farbenfrohes Spektakel dass die Bandmitglieder leicht verzehrt darstellte. Es folgten die noch viel rockigeren EL – E – VA – TION und Vertigo.
Ultra Violet wurde dann allen (besonderen) Frauen gewidmet und bei manchen Damen die da auf dem Monitor erschienen stellten sich wahrscheinlich so einige die Frage nach dem „Wieso DIE?“.
Es folgte dann noch der eigentlich obligatorische „Abschlusssong“ von U2. Kein Song passt besser zu einem Konzertende wie „One“. Auch hier wurde das Stadion wieder vom Handy-Lichtermeer geflutet, aber es war lange nicht so beeindruckend wie bei „Mothers Of The Disappeared“.

Der letzte Song des Abends sollte dann aber „The Little Things You Gave Away“ sein. So sehr es mich freut, dass ich einen Song hören durfte der auf der kommenden Platte erscheinen wird so schade finde ich es auch, dass nach „One“ nicht der Refrain von „40“ vom Publikum gesungen wurde.

Die beinahe komplette Setlist gibts auch hier wieder zusammengestellt bei Spotify. Nur der letzte Songs „The Little Things That Give You Away“ ist noch nicht veröffentlich und hier muss halt der Videomitschnitt herhalten. Bei U2gigs finden sich noch weitere Clips vom ersten Paris Konzert und bei U2start gibt es ein Bootleg des Konzerts.

 Durch die rosa Brille betrachtet kann ich über dieses Konzert nur sagen, dass es das beste war an dem ich jemals war. Wenn ich die rosa Brille abziehe, dann war nur U2 in New York besser 😉

Mal schauen, was die U2-Zukunft noch bringt. Es steht ja noch ein neues Album aus und vielleicht gibt es ja noch ein JT50 oder ein HowToDismantleAnAtomicBomb30

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