Back to black

Vintage ist hipp, Retro ist angesagt. Sicherlich ist das für den ein oder anderen Vollbart- und Holzfällerhemdträger ein Grund sich eine Vinylsammlung anzulegen bei mir steht aber ein ganz anderer Grund dahinter:

Musik genießen!

Ich habe mich vor Jahren vom Radio hören verabschiedet weil ich da zwischendurch einfach immer wieder Musik hören musste die mir nicht gefällt und ich das nicht skippen kann. Also habe ich meine CDs digitalisiert und mit meinen Digital Downloads zu meiner Musik-Filterblase gemacht. Neue Musik kam nur noch ganz selten bei mir an, dafür konnte ich hören was mir gefiel.
Dazu kommen seit ein paar Jahren auch noch Streamingdienste, die einem Zugang zu fast allen Songs dieses Planeten geben und ich entdeckte wieder neue Musik.
Wie gut es mir geht was die Musikauswahl und -abspielmöglichkeiten angeht habe ich erst jetzt so langsam kapiert.

Während meine Eltern mit MC und LP aufgewachsen sind und zum Lieblingssong durchhören, vorspulen oder die Plattennadel platzieren mussten. Konnte ich dank CD und Digital Downloads einfach zum nächsten Song weiter drücken oder den Lieblingssong in Dauerrotation abspielen lassen. What a time to be alife! Und wieso sollte ich mir das Seitenwechseln einer LP antun nur um das komplette Album hören zu können.

Will ich heute meinen absoluten Lieblingssong Yellow von Coldplay hören, starte ich Spotify und tippe den Song links oben ins Suchfeld und dann direkt auf Play.
Auf dem Parachutes-Album ist Yellow der fünfte Song. D.h. auf einer CD, die ich erst mal suchen und irgendwo einlegen müsste, würde ich 4x skippen und bei der Vinyl müsste ich die Nadel ganz weit innen auf der ersten Seite platzieren. Wahrscheinlich würde ich dabei beim ersten Versuch als erstes „Oh yeah your skin and bones“ hören und müsste neu platzieren…

Ich wäre ganz sicherlich extrem genervt und würde den Lieblingssong auch gar nicht mehr genießen.

Und trotzdem habe ich mir einen Plattenspieler und mittlerweile über 20 LPs gekauft. Eben weil ich Musik genießen möchte. Weil ich mich auf die Musik konzentrieren will und ein ganzes Album anhören möchte.
Klingt komisch, ist aber ganz einfach. Musik von der Vinyl höre ich seit dem der Plattenspieler da ist fast ausschließlich Samstag- und Sonntagmorgen beim frühstücken. Und ich nehme mir fürs Frühstück die Zeit bis ich das komplette Album gehört habe. Ich mache nichts anderes wie Kaffee trinken, etwas essen und alle 20 Minuten die Seite oder die gesamte Platte wechseln.

Egal wie schnell oder langsam die Songs auf der Vinyl sind, Musik von der Schallplatte zu hören entschleunigt. Was im umkehrschluss bedeutet, dass ich Musik von der Schallplatte nur dann höre, wenn ich weiß ich habe die Zeit das komplette Album anzuhören und mich auch darauf zu konzentrieren.
Ich hab in dieser Zeit einen komplett anderen Bezug zur Musik. Selbst die beiden Songs vom Lieblingsalbum The Joshua Tree die ich bei Spotify fast immer geskippt habe höre ich von der Vinyl sehr gerne.

Es geht mir beim hören einer Schallplatte auch nicht um das erweiterten Ton-Spektrum, dass über die ins Vinyl gepressten Rillen abgetastet werden. Dafür ist mein Vinyl Setup, Pioneer PL-990 mit integriertem Vorverstärker in Verbindung mit einer Sonos Play 5, auch gar nicht geeignet. Es ist wirklich nur das vor dem Plattenspieler sitzen, sehen wie sich die Nadel immer näher zum Mittelpunkt bewegt und das komplette Album hören.

Meine Sammlung wächst stetig, aber nicht weil ich durch einen Record-Store schlendere und etwas mitnehme, was mir gefallen könnte. Ausprobiert habe ich das, aber bei mir kommt da kein besonderes Gefühl auf durch die Plattenregale zu wühlen. Ich kaufe auch nicht ein Album auf Verdacht, weil es ein schönes Cover hat oder weil es Musik ist die ich eventuell hören würde.
Ein Album auf Vinyl kommt in meine vier Wände, wenn es entweder ein Album von U2 ist oder wenn ich mich einige Male bei Spotify durch das Album geskippt habe und es für Hörenswert halte.
Vielleicht kommt heute Abend noch ein neues Album dazu, wenn ich mich durch die Plattensammlung meiner Eltern wühle. Aber ich habe die Befürchtung, dass ihr und mein Musikgeschmack nicht wirklich zueinander passen und das obwohl ich die (Rock/Indie/Alternative) Musik bevorzuge, die als sie so alt waren wie ich heute in den Charts hoch und runter lief.

Übrigens, den Ausschlaggeber für den Schallplatten(-spieler)kauf gab es im April diesen Jahres. „Schuld“, dass ich mir Gedanken über den Kauf eines Plattenspielers machte, war eine Fotomontage:

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1 Comment

  • Reply
    Ein Jahr Vinyl -
    27. Oktober 2017 at 17:45

    […] Vor knapp 10 Monaten habe ich in ein paar Worten beschrieben wieso ich im Streaming-Zeitalter angefangen habe Musik auch auf Vinyl zu hören. […]

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